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Full text of "Leib und Seele: Der Entwicklungsgedanke in der gegenwärtigen Philosophie ..."

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Leib und Seele. 



Der Entwicklungsgedanke 

in der 

gegenwärtigen Philosophie. 
Zwei Reden 

von 

C. Stumpf. 

Zweite Auflage. 




Leipzig 

Verlag von Johann Ambrosius Barth. 

1903 



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Alle Rechte vom Verleger vorbehalten. 



Spamersche Buchdruckerei in Leipzig. 



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102023 
•ST 7 



Aus Anlaß einer neuen Auflage der Rede 
über den Entwicklungsgedanken entschloß ich 
mich, ihr die Eröffnungsrede für den Mün- 
chener Psychologenkongreß beizugeben, da 
diese seinerzeit nicht selbständig erschien, aber 
des öfteren im Buchhandel verlangt wurde, 
und da sie den Anfang, wohl auch den Anstoß, 
zu zahlreichen Schriften über Parallelismus und 
Wechselwirkung bildete. Ein Stück des Ein- 
gangs habe ich gestrichen und Mehreres aus- 
und umgearbeitet, ohne jedoch den Charakter 
der Rede zu alterieren, die anregen, nicht aber 
abschließen sollte. 

Die zweite Rede ist fast unverändert ge- 
blieben. 

Berlin, November 1902. 

C. Stumpf. 



1* 



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LEIB UND SEELE. 

Rede zur Eröffnung 
des internationalen Kongresses für Psychologie 

München, 4. August 1896. 



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Hochansehnliche Versammlung! 

Mit freudiger Genugtuung begrüße ich die 
überallher eingetroffenen Mitglieder des dritten 
internationalen Psychologenkongresses , den 
ich hiermit zu eröffnen die Ehre habe. Die 
starke Beteiligung zeigt, wie glücklich die Idee 
war, die allbeliebte Stadt München als Ort der 
Zusammenkunft zu bestimmen. Wir haben 
überdies von Seiten des Königlichen Hauses, 
der k. bayrischen Landesregierung, der städ- 
tischen Behörden und der Universität soviel 
Teilnahme und Förderung erfahren, daß es 
mich drängt, unseren tiefgefühlten Dank dafür 
sogleich auszusprechen. 

Da die Vorgeschichte unsrer Zusammenkunft 
vielen Teilnehmern nicht hinreichend bekannt 
sein dürfte, will ich den Verhandlungen einen 
kurzen Rückblick auf die beiden ersten Kon- 
gresse vorausschicken, der sich von selbst auch 
zu einer Charakteristik der methodischen Grund- 
sätze der neueren Psychologie gestaltet 

Der erste internationale Psychologenkongreß, 
der 1889 in Paris unter dem Vorsitze des Herrn 
Ribot tagte, trug den Titel „für physiologische 



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- 8 - 

Psychologie." Er verdankte sein Zustande- 
kommen hauptsächlich der energischen Tätigkeit 
des Herrn Rieh et und dem Zusammenwirken 
der „psychologischen Gesellschaften", die sich 
in den Hauptstädten verschiedener Länder vor- 
wiegend zum Studium der hypnotischen Er- 
scheinungen und der telepathischen Halluzi- 
nationen gebildet hatten. Diese Probleme 
standen denn auch neben der Vererbungsfrage 
im Vordergrund der Verhandlungen. 

Der zweite Kongreß in London 1892 trug 
gemäß einer schon in Paris getroffenen Be- 
stimmung den Titel „für experimentelle Psy- 
chologie"; wobei indeß, wie Herr Sidgwick, 
der Präsident dieses Kongresses, hervorhob, 
das Beiwort „experimentell" nur in dem all- 
gemeinen Sinn einer induktiven, auf metho- 
discher Beobachtung und Zergliederung von 
Tatsachen ruhenden Forschung verstanden sein 
sollte. Die Vorträge und Verhandlungen des 
zweiten Kongresses bezogen sich bereits auf 
einen erheblich weiteren Kreis von Gegen- 
ständen, wenn auch die Spuren des Ursprungs 
dieser Unternehmungen ihm noch deutlich auf- 
geprägt waren. 

In gleicher Weise erscheint nun das Pro- 
gramm unsres dritten Kongresses weitergebildet, 
welches eine, ich möchte fast sagen beäng- 
stigende, in Wahrheit doch höchst erfreuliche 



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— 9 — 

Mannigfaltigkeit von Vorträgen umfaßt. Auch 
diesem Programm gegenüber wird man wohl 
nicht die Empfindung haben, daß es gleich- 
mäßig zusammengestellt sei oder daß die An- 
zahl der Vorträge über die einzelnen Materien 
immer genau ihrer wissenschaftlichen Wichtig- 
keit entspräche. Aber die Zusammenstellung 
ist von niemand gemacht, sondern hat sich 
selbst gemacht, und kann insofern als ein Aus- 
druck der zur Zeit tatsächlich herrschenden In- 
teressen oder wenigstens, daß ich genauer 
spreche, als Ausdruck derjenigen Interessen 
betrachtet werden, die von einem Kongreß 
Nahrung und Befriedigung erhoffen. 

Wir haben von vornherein die Frage er- 
wogen, wie und wo speziell gegenüber dem 
sogenannten Okkultismus die Grenze der zu- 
lässigen Vorträge, d. h. derjenigen, die eine 
fruchtbare Diskussion an dieser Stelle erhoffen 
lassen, zu ziehen sei. Aber unter den wirklich 
angemeldeten Vorträgen konnten nur die Ober 
Telepathie etwa unter diese Frage fallen: und 
hier schien es uns bei der anerkannten wissen- 
schaftlichen Stellung der Vortragenden das Rich- 
tige, diese wenigen Vorträge unbedenklich auf- 
zunehmen. Wenn ich auch sehr zweifle, ob 
in der Zeit, da die Physiker die Fernwirkung 
aus ihren Betrachtungen eliminieren, die Lehre 
von der psychischen Femwirkung auf eine ent- 



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- 10 ~ 

gegenkommende Stimmung rechnen darf, so 
ziemt es doch den Anhängern der Erfahrungs- 
philosophie, auch hierüber nicht a priori zu 
urteilen und respektablen Forschern nicht durch 
Schweigen, sondern durch Prüfung ihrer Argu- 
mente zu begegnen. 

Zugleich wurde nun auch für diesen dritten 
Kongreß eine Änderung des Titels vorgenommen, 
indem wir ihn kurz als „Kongreß für Psycho- 
logie" bezeichneten. Die Anregung dazu kam 
aus dem Schöße des Lokalkomitees. Mir selbst 
erschien zunächst das Beiwort „experimentell** 
gegenüber gewissen bloß räsonnierenden, ab- 
strakt deduzierenden Richtungen, die in Deutsch- 
land noch nicht ganz ausgestorben sind, immer- 
hin nützlich. Denn es ist meine Oberzeugung, 
daß das psychologische Experiment im eigent- 
lichen und engsten Sinne, wie es vorzugsweise 
in den Gebieten der Sinneswahrnehmungen und 
der motorischen Reaktionen bisher geübt wurde, 
abgesehen von den sachlichen Ergebnissen, die 
der Unkundige leichter überschätzt als der Kun- 
dige, einen eminenten Wert für die Schulung 
des psychologischen Denkens besitzt, voraus- 
gesetzt, daß das Denken sich mit dem Hand- 
anlegen verbindet Wer in solcher Weise auch 
nur an Einer Frage des Sinnesgebietes die außer- 
ordentliche Verwicklung der Faktoren kennen 
gelernt hat, der wird sich nicht bloß in Sachen 



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— 11 — 

des Experiments selbst hüten, ohne eigne ge- 
naue Kenntnis der Umstände zu urteilen, sondern 
der ist auch gefeit gegen übertriebene Zuver- 
sicht, gegen summarische Behandlung, gegen 
voreilige Verallgemeinerung auf den noch dunk- 
leren und verwickeiteren Gebieten des Seelen- 
lebens. 

Trotzdem ließ sich dem Wunsche des Ko- 
mitees seine Berechtigung nicht absprechen. 
Wir sagten uns, daß die Unentbehrlichkeit des 
Experiments nunmehr schon fast allgemein zu- 
gegeben sei, und daß es heute ebensosehr 
darauf ankomme, den Schein der Einseitigkeit 
zu vermeiden und das Zusammenarbeiten aller 
Richtungen zu fördern, denen der Ausbau einer 
wissenschaftlichen Psychologie am Herzen liegt 

Und in der Tat, von wie vielen Seiten, auf 
wie verschiedenen Wegen sucht unsre Zeit 
nicht in das Geheimnis des Seelenlebens ein- 
zudringen! Wir sehen den Völkerkundigen und 
den Sprachforscher, den Juristen, Soziologen und 
Historiker, den Erkenntnistheoretiker, Ästhetiker, 
Pädagogen nicht minder am Werke wie den 
Anatomen, den Zoologen, Physiologen, Patho- 
logen und Psychiater. Unter den Psychologen 
von Fach legt der eine mehr Gewicht auf bloße 
Selbstbeobachtung, der andere auf vergleichende 
Beobachtung der tierischen und kindlichen Ent- 
wicklung, der dritte auf das Experiment, wenn 



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— 12 - 

auch in Verbindung mit Selbstbeobachtung. Der 
eine dringt durch eine bloß beschreibende Zer- 
gliederung bis zu den feinsten Elementen vor, 
der andere versucht Erklärungen durch eine 
ingeniös erdachte physiologische oder psy- 
chologische Mechanik. Fast jeder ist geneigt, 
seinen Weg für den allein oder vorzugsweise 
fruchtbaren zu halten, bis die Durchführung 
ihm zeigt, daß er die anderen doch nicht ent- 
behren kann. 

Der schlichte Titel „Kongreß für Psycho- 
logie'' sollte andeuten, daß jeder willkommen 
ist, der irgend welche zur Psychologie in Be- 
ziehung stehende Tatsachen in einer für das 
psychologische Studium lehrreichen Weise mit- 
teilt oder bespricht 

So ist denn wirklich unser Kongreß zugleich 
eine Art von Stelldichein für die Vertreter aller 
an die Psychologie angrenzenden Wissenschaften 
geworden. Wendet nun jemand ein, das sei 
überhaupt nicht mehr ein psychologischer, eher 
vielleicht ein medicopsychologischer Kongreß 
zu nennen, so lassen wir ihm dies Vergnügen. 
Die Hauptsache bleibt, daß wir möglichst viel 
von einander lernen, und das wird auf solche 
Art eher der Fall sein, als wenn nur Psycho- 
logen von Fach hier säßen. 

Eine methodische Überzeugung hält doch 
alle Anhänger und Freunde der neueren Psy- 



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— 13 — 

chologie zusammen: das entscheidende Gewicht, 
das wir alle der Vermehrung und Verfeinerung 
unsrer tatsächlichen Kenntnisse beilegen. Zur 
Verfeinerung rechne ich insbesondere die zahlen- 
mäßige Behandlung. Wo man sich sonst mit un- 
bestimmten Quantitätsbezeichnungen begnügte, 
wie etwa daß eine Eigentümlichkeit der Sinnes- 
empfindung, eine Richtung der Ideenassoziation, 
des Fühlens oder Wollens „selten, häufig, ge- 
wöhnlich, fast ausnahmslos" vorkomme, daß eine 
Gedächtnisleistung „mit erstaunlicherSicherheit" 
erfolge, daß ein gewisser Affekt die Pulsfrequenz 
steigere oder das Blut nach dem Kopfe treibe: 
da wollen wir nun zählen und messen, soweit 
es nur immer möglich ist. Dadurch allein 
können die Täuschungen vermieden werden, 
denen die auf oberflächlichem Überblick ruh- 
ende bloße Schätzung ausgesetzt ist Und 
wenn auch das Messen seine Grenzen hat, das 
Zählen wenigstens ist überall möglich. Jede, 
auch die sublimste, geistige Funktion kann der 
statistischen Betrachtung unterworfen werden. 
Daß dabei auch gelegentlich die sog. „stati- 
stische Krankheit" auftritt, daß manche mit tadel- 
loser Exaktheit durchgeführte Messung oder 
Zählung für das Verständnis der Sache gleich- 
gültig oder von vornherein sinnlos ist, daß 
Kärrner und Krämer aus der Geisteswissenschaft 
den Geist auszutreiben scheinen, läßt sich nicht 



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— 14 - 

leugnen. Aber wir werden um der Schatten- 
seiten willen den Gewinn nicht wieder fahren 
lassen, den das Eindringen einer im besten und 
gesundesten Sinne positivistischen Denk- 
weise unsrer Wissenschaft gebracht hat 

Habe ich so die allgemeinsten methodischen 
Grundsätze ausgesprochen, die uns trotz mancher 
Divergenz im einzelnen verbinden, so möchte 
ich nun wohl auch allgemeinsten sachlichen 
Oberzeugungen Ausdruck geben: und aufweiche 
andere Frage könnten sich diese beziehen, als auf 
das Verhältnis von Seele und Leib, von Psy- 
chischem und Physischem? Darin gipfelt doch 
das Bestreben jeder Epoche, daß sie zu dieser 
für die ganze Weltanschauung maßgebenden 
Frage eine befriedigendere Stellung gewinne. 

Wenn wir nun alle darin einig sind, daß 
die Beziehung zum physischen Gebiet unser 
ganzes Seelenleben durchdringt, und wenn wir 
von Tag zu Tag in der Erkenntnis des Details 
dieser Beziehungen fortschreiten, so wird es 
doch kaum möglich sein, eine genauere Formel 
zu finden, in der sich unsre gemeinsamen An- 
schauungen tiber die Natur jenes Verhältnisses 
ausdrücken ließen; und so werde ich, indem 
ich die Entwicklung der Ideen in den letzten 
Dezennien schildere, mich der Kritik nicht ent- 
halten und, während ich die Funktionen des 



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- 15 - 

Sprachrohrs versehe, einen Eigenton nicht unter- 
drücken können. 

Der Begründer der Psychophysik, der ver- 
ehrungswürdige Fechner, hat alle Kraft seines 
Scharfsinns, seines tiefen Gemüts und seiner 
glänzenden Schriftstellergabe darangesetzt, einer 
monistischen Auffassung zum Siege zu verhelfen, 
wonach geistige und körperliche Vorgänge nur 
zwei Seiten eines und desselben Vorgangs, Leib 
und Seele nur die äußere und innere Erschei- 
nungsweise eines und desselben Wesens sind. 
Fechner hatte diese Lehre aus der spekulativ- 
idealistischen Philosophie herübergenommen. 
Wie er selbst sagt, ist er „ursprünglich mit 
seiner ganzen Philosophie von Schellings 
Stamme gefallen". Vorher hatte bekanntlich 
schon Spinoza den Monismus in ähnlichem 
Sinne verkündet 

Leider hat aber, wie alles in der Welt, auch 
diese Zweiseitentheorie ihre zwei Seiten : sie ist 
großartig, poetisch, verlockend — aber dunkel. 
Die heterogene Natur des Physischen und des 
Psychischen kann man nicht schärfer betonen 
als es hier geschieht: die physische Seite ist 
ausgedehnt oder wenigstens den Gesetzen der 
Geometrie und der mathematischen Physik unter- 
worfen, die geistige Seite ist unausgedehnt, nicht 
nach Länge, Breite und Tiefe zu messen, nicht 
nach Maße und Geschwindigkeit zu berechnen. 



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— 16 - 

Was es dabei noch heißen soll, daß das eine 
nur die Kehrseite oder Innenseite des anderen 
darstelle, hat noch niemand anders als durch 
Gleichnisse zu erläutern gewußt, wie Spiegelung, 
konkave und konvexe Krümmung einer Fläche 
u. dgl., Gleichnisse, die insgesamt eigentlich 
auf einer dualistischen Auffassung ruhen (kann 
doch z. B. selbst von konkav und konvex nur 
mit Beziehung auf zwei real verschiedene Teile 
des Raumes gesprochen werden, von denen 
aus die Fläche betrachtet wird). Auch die ein- 
heitliche Substanz, die sich in den beiden At- 
tributen des Physischen und Psychischen „aus- 
drücken" soll, ist nichts weiter als ein Wort, 
das nur das Bedürfnis ausdrückt, dem Dua- 
lismus zu entgehen, ohne aber die Kluft für 
unser Verständnis wirklich zu überbrücken. 

Wir können allerdings noch in einer andern 
Wortbedeutung von verschiedenen „Seiten" eines 
an sich einheitlichen Zustandes oder Vorgangs 
reden, wobei nicht wie bei den Ausdrücken 
„Kehrseite" oder „Innen- und Außenseite" räum- 
liche Unterscheidungen die Grundlage bilden: 
wenn wir z. B. an einer Empfindung ihre Qualität 
und ihre Stärke oder an einer Bewegung ihre 
Richtung und ihre Geschwindigkeit auseinander- 
halten, obschon diese sogenannten „Momente" 
oder „Seiten" nicht für sich existieren und nicht 
für sich vorgestellt werden können. 



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- 17 -^ 

Wenden wir diesen Begriff auf unsem Fall 
emy sa wären hiernach das Physische und das 
Psychische nur Abstraktionen, von denen jede 
den einheitlichen realen Vorgang nur unvoll- 
ständig beschreiben würde, ebenso unvoll- 
ständig, wie wenn wir eine Beviregung nur 
nach ihrer Richtung beschreiben. 

Schon diese Konsequenz dürfte nicht der 
Meinung unsrer Monisten und auch nicht den 
Tatsachen entsprechen. Aber vor allen Dingen 
würde dann der Begriff in hellstem Widerspruch 
stehen mit der Anschauung, die dem Monisten 
gerade als die fundamentalste gilt: daß nämlich 
Körperliches und Geistiges durchaus parallel 
gehen. Denn Richtung und Geschwindigkeit 
unterscheiden wir an einer Bewegung nur darum 
weil und nur insofern als die Bewegung sich 
ihrer Geschwindigkeit nach verändern kann, 
ohne zugleich ihre Richtung zu ändern, und 
umgekehrt Ebenso würden wir Qualität und 
Intensität an einer Sinnesempfindung nicht unter- 
scheiden, wenn sie nicht mindestens in gewissem 
Grade unabhängige Veränderliche darstellten. 
Also gerade das was durch die Behauptung, 
es handle sich nur um verschiedene Seiten 
eines Vorgangs, festgelegt und zum entschie- 
densten Ausdruck gebracht werden soll, die 
unverbrüchliche Parallelität der Veränderungen, 
gerade dies wird geleugnet, wenn wir von 

2 



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— 18 - 

Seiten in solchem Sinne reden. Und doch ist 
es der einzige Erfahrungsbegriff, der außer der 
von vornherein unanwendbaren räumlichen Be- 
deutung hier herangezogen werden könnte, um 
dem bloßen Wort zu einem wirklichen Begriff 
zu verhelfen. 

Nun kann man ja sowohl auf jene Lieblings- 
wendungen und Gleichnisse Fechners als auf 
den abstrakten Ausdruck und Begriff von „zwei 
Seiten" überhaupt verzichten und das Geheimnis 
dieses Zusammenhangs als ein unauflösliches 
betrachten, darin aber Fechners Lehre fest- 
halten, daß die Vorgänge auf beiden Gebieten 
durchgängig parallel gehen, ohne jemals 
aufeinander zu wirken oder zu gemein- 
samer Wirkung sich zu verbinden. 

Die Wechselwirkung, so hören wii', sei 
durch die heterogene Natur der Prozesse aus- 
geschlossen. Überdies zeigten die zweck- 
mäßigen automatischen Bewegungen, daß der 
Organismus aus rein physischen Kräften völlig 
dieselben Leistungen vollbringe, wie sie den 
Seelentätigkeiten zugeschrieben wurden. Endlich 
setze das Gesetz der Erhaltung der Energie vor- 
aus, daß Bewegung immer nur Bewegung er- 
zeuge und von Bewegung erzeugt werde. 

Hiemach verläuft nun also jede der beiden 
Welten genau so, wie wenn die andere nicht 



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- 19 ~ 

existierte. Speziell die psychische Welt ist 
vollkommen einflußlos, irrelevant für den Ablauf 
und die Entwicklung der physischen. Die Or- 
ganismen leben und handeln, die Menschen 
gründen Staaten, schreiben Gedichte, halten 
sogar Psychologenkongresse, getrieben durch 
physische Kräfte, genau so als ob gar kein 
Denken, Fühlen und Wollen existierte. 

Daß dies die strenge Konsequenz ist, unter- 
liegt keinem Zweifel; sind wir doch angewiesen 
worden, den Fall der ohne Bewußtsein automa- 
tisch erfolgenden Bewegungen verallgemeinert 
zu denken. Wir begegnen denn auch analogen 
Ausführungen auf Schritt und Tritt Wer die 
Konsequenz nicht einräumt, steht bereits auf 
einem vermittelnden Standpunkt, wie wir einen 
solchen nachher zu kennzeichnen suchen. 

Des Näheren haben sich zwei Formen der 
Parallelitätslehre ausgebildet Nach der einen 
hängt nur das Physische kausal unter sich zu- 
sammen, während die psychische Reihe in sich 
selbst keine Kausalität besitzt, so wenig wie 
die Schatten- oder Spiegelbilder aufeinander- 
wirken. Und da nur das Wirkende den Namen 
des Wirklichen verdient, so ist nach dieser Auf- 
fassung, mit den Worten eines ihrer Vertreter 
zu sprechen, „das Bewußtsein an sich eigent- 
lich gar nichts". Nach der anderen Anschauung 
bildet auch das Psychische eine ununterbrochen 

2* 



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— 20 — 

kausal zusammenhängende Entwicklungsreihe; 
wobei also auch die Sinnesempfindungen aus 
vorherigen psychischen Zuständen entstehen 
und die auf äußere Handlungen bezüglichen 
Willensakte statt der äußeren vielmehr innere 
Wirkungen haben mUssen, überhaupt die Kette 
des psychischen Lebens von jedem Punkt aus 
rückwärts und vorwärts lückenlos ins Unend- 
liche verlängert gedacht werden muß. 

Ich will nicht auf die Schwierigkeiten ein- 
gehen, worein jede dieser beiden Formen be- 
sonders verwickelt. Nicht auf das wunderliche 
Unternehmen der Schattentheorie, Kausalität 
gerade demjenigen Gebiet abzustreiten, aus 
dessen Erscheinungen allein wir den Begriff 
der Kausalität schöpfen, und sie ausschließlich 
demjenigen Gebiet zuzuerkennen, in welchem 
Kausalität niemals wahrgenommen, überall nur 
angenommen werden kann. Nicht auf die große 
Selbsttäuschung der Panpsychisten, als ob das 
Rätsel des Zusammenhangs von Physischem 
mit Psychischem durch Ausdehnung auf die 
ganze Welt geringer würde, und als ob die 
Worte Empfindung und Wille, angewandt auf 
das angebliche gänzlich unbewußte Seelenleben 
der unorganischen Materie, noch irgend einen 
Sinn besäßen. Nicht auf die mißliche Frage, was 
denn nun eigentlich die Wirkung des Willensent- 
schlusses zur Körperbewegung ist, wenn nicht 



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— 21 — 

die Bewegung, und was denn eigentlich die 
Ursache der Empfindung ist, wenn nicht die 
Nervenreizung. Nicht auf das Scheitern aller 
bisherigen Versuche, auch nur rein hypothetisch 
die physischen Parallelvorgänge zu intellek- 
tuellen Vorgängen in einer glaubhaften und 
nicht sofort den psychischen Tatbeständen 
widersprechenden Weise zu konstruieren. 

Aber ich kann in der Parallelitätslehre über- 
haupt statt des gepriesenen Monismus nur einen 
Dualismus finden, wie er krasser noch niemals 
aufgetreten ist. Die Ungleichartigkeit der Ge- 
biete ist beibehalten, die Wechselwirkung ge- 
leugnet, von der einheitlichen Substanz, die ohne- 
dies nur ein Scheinbehelf war, ist nicht mehr 
die Rede, und so erscheint auch das Parallel- 
laufen der zwei Welten unfaßlicher als selbst 
nach der verrufenen Lehre der Geulinex und 
Matebranche. Wenngleich man nun mit 
einem Schlagwort wie „Dualismus" niemals 
eine Theorie erschlagen kann, so darf man es 
doch denjenigen zurückgeben, die es in ver- 
kehrter und ungerechter Weise als Waffe ge- 
brauchen. Eben dies letztere aber scheint mir 
von Seiten so vieler zu geschehen, die sich 
mit Emphase „Monisten" nennen. 

Zur Sache selbst müssen wir uns die Frage 
vorlegen, ob nicht die Konsequenz der Natur- 
forschung, insbesondre der Entwicklungslehre, 



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— 22 — 

selbst wenn wir die Philosophie beiseite lassen, 
dahin drängt, die Welt in allen ihren Teilen 
als ein kausal zusammenhängendes Ganzes auf- 
zufassen, worin jedes Wirkliche seine Arbeit 
leistet, keines von der allgemeinen Wechsel- 
wirkung ausgeschlossen ist; und — wenn dies 
jeder bejahen wird — die andere Frage, ob die 
Gründe, nach denen die gesamte Welt des Psy- 
chischen von der Wirklichkeit in diesem Sinne 
oder von der allgemeinen Wechselwirkung aus- 
geschlossen sein soll, so zwingend sind, wie sie 
vielen erscheinen. 

Die Ungleichartigkeit wird nach den Unter- 
suchungen Humes kein Einsichtiger mehr als 
ernsthaftes Argument gelten lassen. Ursache 
und Wirkung brauchen nicht gleichartig zu sein. 
Nur die Erfahrung kann lehren, was als Ursache 
und Wirkung zu einander gehört. Am wenigsten 
sollte derjenige die Wechselwirkung des Hete- 
rogenen beanstanden, der seine substanzielle 
Einheit lehrt: denn die substanzielle Verbindung 
der beiden Welten soll doch eine noch innigere 
sein als die bloß kausale. 

Die automatischen Bewegungen beweisen 
nur, was wir auch sonst wissen, daß der näm- 
liche Effekt aus verschiedenen Kombinationen 
von Bedingungen hervorgehen kann. Die Be- 
dingungen müssen doch auch in Konsequenz 
der Parallelitätslehre verschiedene sein für die 



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— 23 - 

mit und die ohne Bewußtsein vollzogenen 
Bewegungen. Die zentralen Vorgänge müssen 
hiemach irgend eine Verschiedenheit besitzen, 
die dem Mangel und dem Vorhandensein des 
Bewußtseins entspricht. Nun steht es uns aber 
auch frei, den Unterschied der Fälle darin zu 
finden, daß das Bewußtsein in einem Fall eben 
selbst mit zu den Bedingungen gehört, im an- 
dern Fall aber nicht. Die automatischen Be- 
wegungen bringen also nicht im geringsten 
eine Entscheidung zwischen beiden Auffassungs- 
weisen. 

Was endlich die Erhaltung der Energie be- 
trifft, so scheinen mir vorläufig zwei Wege 
gangbar, um dem Postulat einer allgemeinen 
Wechselwirkung gerecht zu werden. 

Zunächst lehrt schon der Unterschied der 
potentiellen von der kinetischen Energie, daß 
Bewegung nicht notwendig in Form von Be- 
wegung erhalten bleibt. Aber auch abgesehen 
davon ist die Gültigkeit des Gesetzes unab- 
hängig von der anschaulichen Vorstellung, daß 
alle Naturprozesse in Bewegungen bestehen. 
Ohne jede hypothetische Zutat ausgesprochen 
ist es vielmehr ein Gesetz der Transformation: 
wenn kinetische Energie (lebendige Kraft sicht- 
barer Bewegung) in andere Kraftformen um- 
gewandelt und diese schließlich in kinetische 
Energie zurückverwandelt werden, so kommt 



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— 24 — 

der nämliche Betrag zum Vorschein, der aus- 
gegeben wurde. Worin diese andern Energie- 
formen bestehen, darüber sagt das Gesetz nicht 
das Mindeste. Und so ließe sich, wie ich meine, 
das Psychische ganz wohl als eine Anhäufung 
von Energien eigner Art ansehen, die ihr ge- 
naues mechanisches Äquivalent hätten. Gewisse 
psychische Funktionen würden mit einem fort- 
währenden Veriwauch, andre mit einer ebenso 
fortgehenden Erzeugung physischer Energie 
verknüpft sein. In der n^eren Fassung der 
Gehirnprozesse, die als unmittelbare Ursache 
oder Wirkung bestimmter Seelentätigkeiten an- 
zusehen wären, würden sich allerdings einige 
ungewohnte Vorstellungen bei der weiteren 
Verfolgung dieser Sätze ergeben; aber hier ist 
ja überhaupt noch alles im Fluß. 

Es wäre also, soviel ich sehen kann, eine 
psychophysische Mechanik wohl denkbar (und 
ihre hypothetische Konstruktion mindestens so 
genußreich wie analoge Versuche von andern 
Standpunkten), die die geistigen Vorgänge in 
den allgemeinen gesetzlichen Kausalzusammen- 
hang einfügte und dadurch erst eine im wahren 
Sinne monistische Anschauung begründete. 
Denn nicht so sehr die [Gleichartigkeit der 
Elemente oder der Prozesse, als die Allge- 
meinheit des Kausalzusammenhangs und die 
Einheitlichkeit der letzten und höchsten Gesetze 



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— 25 - 

ist es, die wir von einem einheitlichen Welt- 
ganzen verlangen müssen. 

Zugleich hat diese Auffassung den Vorteil, 
daß sie das Verhältnis, das dem parallelistischen 
Monismus ein durchaus undefinierbares bleibt, 
unter den allgemeinen Kausalbegriff subsumiert 
und dadurch dem Bedürfnis des Begreifens und 
der Ökonomie des Denkens in höherem Maße 
entgegenkommt. Auch die den neueren Phy- 
sikern nicht mehr fremde, den Philosophen schon 
länger vertraute Erkenntnis, daß wir es in den 
Atomen und ihren Bewegungen, wie sie der me- 
chanischen Physik zur Ableitung ihrer Formeln 
dienen, doch nur mit Symbolen zu tun haben, 
und daß die abstrakten mathematischen Formeln 
selbst, die den knappsten Ausdruck der Tat- 
sachen bilden, über die qualitative Natur der 
physischen Prozesse gar nichts aussagen, mag 
dieser Ansicht von der Sache wesentlich zu 
Hülfe kommen. 

Indessen steht denen, die sich nicht damit 
befreunden können, noch ein andrer Weg offen, 
um das Physische ohne Verletzung des Energie- 
gesetzes in den allgemeinen Kausalzusammen- 
hang einzufügen. Die psychischen Zustände 
könnten in der Weise Wirkungen und Ursachen 
physischer Vorgänge sein, daß keinerlei auch 
nur vorübergehende Verminderung und Ver- 
mehrung physischer Energie mit dieser Wechsel- 



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— 26 — 

Wirkung verknüpft wäre. Wir würden sagen: 
ein bestimmter Nervenprozeß in bestimmter 
Gegend der Gehirnrinde ist die regelmäßige 
Vorbedingung für das Zustandekommen einer 
bestimmten Empfindung; diese geht als not- 
wendige Folge neben den physischen Wir- 
kungen aus ihm hervor (soviel zum Unter- 
schied von der Parallelitätstheorie). Aber 
dieser Teil der Folgen absorbiert keine phy- 
sische Energie und kann in seinem Verhältnis 
zu den Bedingungen nicht durch mathe- 
matische Begriffe und Gesetze ausgedrückt 
werden. Desgleichen kommt ein bestimmter 
Prozeß in den motorischen Zentren der Rinde 
zu Stande nicht durch bloß physiologische 
Bedingungen, sondern stets nur unter Mit- 
wirkung eines bestimmten psychischen Zu- 
standes (Affektes, Willens), ohne daß doch 
das Quantum physischer Energie durch diesen 
beeinflußt wird. 

Hierdurch würde eine Annäherung an die 
Parallelitätslehre erzielt, und es dürfte sogar 
mancher Parallelist eine derartige Auffassung 
als die seinige (freilich inkonsequenterweise) 
in Anspruch nehmen. Weitere Erwägungen, 
die auf eine Untersuchung des Kausalbegriffes 
führen würden, können hier unterbleiben, da 
es mir nur auf die Andeutung der Wege ankam, 
die sich zunächst darbieten, wenn man die 



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— 27 — 

absolute gegenseitige Einflußlosigkeit beider 
Gebiete unannelimbar findet 

Dagegen möclite icli eine Wendung der 
ganzen Frage nocli berühren, die viel radikaler 
mit den Schwierigkeiten aufzuräumen versucht, 
indem sie die Scheidung beider Gebiete von 
vornherein als einen Fehlgriff bezeichnet. Die 
physische Welt sei ja selbst nur eine Summe 
von sinnlichen Erscheinungen, ebenso wie 
andrerseits das geistige Leben nur aus sinn- 
lichen Erscheinungen bestehe; somit könne von 
einer Ungleichartigkeit nicht die Rede sein, die 
„Elemente" seien tiberall dieselben, und das 
ganze Problem verschwinde. So insbesondere 
Mach in seiner vielgelesenen Schrift über die 
Analyse der Empfindungen. 

Fast könnte man die Anhänger dieser Lehre 
um die Höhe des erkenntnistheoretischen und 
psychologischen Standpunkts, den sie so kurzen 
Weges erreicht zu haben glauben, beneiden. 
Aber die beiden Sätze, worauf sie sich stützen, 
haben selbst keine Stütze in den Tatsachen. 
Das, woran sich die gesetzlichen Beziehungen 
finden, die den Gegenstand und das Ziel der 
Naturforschung bilden, sind nie und nimmer 
die sinnlichen Erscheinungen. Zwischen ihnen, 
wie sie jedem das eigne Bewußtsein darbietet, 
besteht nicht die regelmäßige Folge und Co- 



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— 28 - 

existenz, die der Naturforscher in seinen Ge- 
setzen behauptet. Sie besteht lediglich inner- 
halb der Vorgänge, die wir als jenseits der 
sinnlichen Erscheinungen, als unabhängig 
vom Bewußtsein sich vollziehende statuieren, 
und die wir statuieren müssen, wenn von 
Gesetzlichkeit überhaupt die Rede sein soll. 
Mögen wir auch dieses Wirkliche in sich 
selbst gar nicht und seine Beziehungen nur in 
der ganz abstrakten Form von Gleichungen 
erkennen, mag selbst die Raumanschauung, in 
der wir uns die Beziehungen zu versinnlichen 
pflegen, ein entbehrliches Symbol sein: diese 
gesetzlichen Beziehungen und das darin Ste- 
hende bilden die „physische Welt" der 
Wissenschaft, während die sinnlichen Erschei- 
nungen, aus denen die physische Welt des ge- 
meinen Bewußtseins sich aufbaut, lediglich die 
Bedeutung von Ausgangspunkten für die Er- 
forschung jener rein mathematischen, ich möchte 
sagen algebraischen, Welt haben. Es wird mir 
schwer, einem Kenner der Wissenschafts- 
geschichte wie Mach gegenüber auszusprechen, 
er habe die wahre Tendenz physikalischer 
Untersuchungen verkannt, ja auf den Kopf 
gestellt. Aber die größte persönliche und 
wissenschaftliche Verehrung kann Überzeu- 
gungen nicht ändern. 

Daß aber zweitens die psychische Welt, 



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— 29 - 

die wir im Denken, Fühlen, Wollen erleben, 
durchgängig in Sinneserscheinungen auflösbar 
sei, dafür liefert die Geschichte der I^ychologie 
bisher keine Gewähr. Im Gegenteil: alle Ver- 
suche seit den Tagen Condillacs, eine solche 
Analyse wirklich durchzuführen, sind miß- 
lungen. Beweist dies nicht ohne weiteres die 
Unmöglichkeit für alle Zukunft, so wird man 
doch zugeben müssen, daß noch weniger die 
dogmatische Zuversicht gerechtfertigt erscheint, 
mit welcher die Behauptung der Analysierbarkeit 
gleich einem logischen Axiom, das gar keines 
Beweises bedürfte, an die Spitze gestellt wird- 

So löst sich, wenn ich recht sehe, auch 
dieser sensualistische Monismus in nichts auf. 
Der wirkliche Gang der Wissenschaft hat seine 
Behauptungen für die physische Welt sicher 
widerlegt, für die psychische nicht im geringsten 
bestätigt. 

Endlich scheint mir auch der sogenannte 
idealistische, besser psychistische Monismus, 
der sich gleichfalls als eine Überwindung oder 
höhere Fassung der alten Parallelitätslehre gibt, 
in Wahrheit nicht über die Schwierigkeiten hin- 
auszuführen, sondern nur darüber hinwegzu- 
täuschen. Er meint die Lösung darin zu finden, 
daß die körperliche Welt, die mit der geistigen 
parallel läuft, nicht körperlich, sondern selbst 
geistig sei, daß also Ausdehnung und alle son- 



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— 30 - 

stigen Eigenschaften, die dem gewöhnliclien Mann 
für Körperlichkeit charakteristisch scheinen, nur 
Erscheinungen seien. Alles Wirkliche sei 
psychisch und in letzter Instanz Wille. Von der 
bereits erwähnten Form des Panpsychismus unter- 
scheidet sich diese Anschauung dadurch, daß 
jene neben und in einer realen physischen Welt 
eine allverbreitete psychische Welt (sei es als 
real, sei es als bloße Erscheinung) statuiert, 
während die jetzt gemeinte Form des Pan- 
psychismus die Realität der physischen Welt 
aufhebt und die der psychischen allein 
gelten läßt. 

Nun sollte man denken: da, wo Kausalität 
ist, ist auch Realität; und solange wir nicht 
imstande sind, das Fallgesetz als Gesetz von 
Willenstätigkeiten zu verstehen und an beobacht- 
baren Willenstätigkeiten zu verifizieren, solange 
muß es eben als Gesetz einer nichtpsychischen 
Realität angesehen werden. Aber lassen wir 
diese Bedenken. Was ist denn eigentlich für die 
Beseitigung des bösen Dualismus gewonnen, 
wenn man die physischen Dinge als bloße 
Erscheinungen definiert? Kann man das Körper- 
liche dadurch überhaupt wegdekretieren? Sind 
Erscheinungen ein absolutes Nichts, sind Aus- 
dehnung, Gestalt, Farbe nun wirklich ganz aus 
der Welt verschwunden? Wenn nicht, wo bleibt 
der Monismus? Und wird nicht auch gerade 



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- 31 - 

die Verschiedenheit und der Gegensatz, indem 
man sie als Erscheinungen mit dem Wesen 
kontrastiert, erst recht betont? Und sind wir 
uns, aufrichtig gesprochen, über das Verhältnis 
jetzt klarer wie vorher? Warum muß denn 
das Wesen überhaupt erscheinen und so ver- 
schieden von sich selbst erscheinen? 

Mir wenigstens bleibt es unfaßbar, wie geist- 
reiche Männer auch nur einen Augenblick sich 
darüber täuschen können, daß mit solchen 
Redewendungen das Problem, welches man 
damit wegzuschaffen meint, erst anfängt, und 
daß sie, selbst als Redewendungen betrachtet, 
einen Rückschritt gegen die fruchtbaren 
Fragestellungen bedeuten, zu denen wir in 
dieser Angelegenheit von andern Standpunkten 
aus bereits geführt sind: weil sie eben verleiten, 
sich bei der bequemen Distinktion Wesen — Er- 
scheinung zu beruhigen und das Verhältnis der 
beiden zu einander als etwas Bekanntes, durch 
sich Klares, keiner Erörterung Bedürftiges hin- 
zunehmen. 

Soviel also meine ich hiernach sagen zu 
dürfen: daß durch diese anscheinend radikalen 
Heilungsmethoden der Dualismus nicht wirk- 
lich überwunden wird, sondern bestenfalls nur 
die Stelle wechselt; daß aber vollends alle 
Lehren, die in dem bloßen Parallellaufen das 



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— 32 ~ 

ganze Wort des Rätsels finden, aus ähnlichen 
Gründen aufgegeben oder umgebildet werden 
müssen, wie seinerzeit die platonische Ideen- 
und Zahlenfehre, mit der sie eine unbeabsich- 
tigte aber sehr überraschende Ähnlichkeit be- 
sitzen. Auch dfese mußte sich sagen lassen, 
daß sie die Welt unnötig verdopple, daß die 
Verhältnisse der Einzeldinge sich in den Ideen 
doch nur wiederholen, daß die Ideen kerne 
wirkende Kraft enthalten, daß die Reden von 
Schatten- und Spiegelbildern leere Worte seien, 
und daß die Welt durch das bloße Nebenein- 
anderbestehen zweier Welten zusammenhanglos 
werde wie eine schlechte Tragödie. Der Unter- 
schied ist nur, daß Aristoteles die Ideen einfach 
wieder streichen konnte, während die geistigen 
Prozesse sich nicht streichen lassen und darum 
als Glieder der einen, gemeinschaftlichen, in 
durchgängiger Wechselwirkung stehenden Welt 
mitgezählt werden müssen.*) 

♦) Einen »heuristischen" Wert kann man dem Pa- 
rallelprinzip natürlich zugestehen, wie denn selbst offen- 
bare Fiktionen heuristisch eine Zeit lang nützen können. 
Aber es pflegt mit größeren Ansprüchen aufzutreten und 
ist andrerseits in seinen heuristischen Dienstieistungen 
nicht an die augenblicklich beliebte Form gebunden, 
welche Kausalbeziehungen ausdrücklich ausschließt 

In der Stellungnahme gegen die Parallelitäts- und für 
die Kausalitätstheorie treffe ich mit Sigwart zusammen, 
wenngleich im einzelnen die Wege auseinander gehen. 



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— 33 — 

Wir werden also auch kOnftig unsre Sinnes- 
empfindungen als Wirkungen der Außenwelt 
und unsren Willen als Ursache unsrer Hand- 
lungen bezeichnen, ohne diese dem gewöhn- 
lichen Bewußtsein sich aufdrängende Ausdrucks- 
weise als eine bloße Redefigur ansehen zu 
müssen. Ich betone dies auch für die Päda- 
gogen und Juristen unter uns. Es erscheint 
mir als eine unnötige Überstürzung, wenn selbst 
einzelne Vertreter der Jurisprudenz, die philo- 
sophischen Einflüssen nicht immer so bereit- 
willig entgegenkommt, von der Tagesströmung 
erfaßt, angefangen haben, die Kausalität des 
Willens in bezug auf die Handlungen zu leugnen 
und Bewegungen nur aus Bewegungen her- 
zuleiten. Damit will ich die Parallelitätslehre 
keineswegs moralisch oder politisch verdäch- 

Auch W. James ist bekanntlich gegen die „Auto- 
maton-Theory* aufgetreten. Seine auf die Entwicklungs- 
lehre gegründeten Argumente für die Kausalität des 
Psychischen verdienen Beachtung. Es scheint mir über- 
haupt ein fruchtbarer Gedanke, daß die psychischen 
Funktionen ursprünglich nur Reguliervorrichtungen für 
den Organismus waren, wenn auch ihre gegenwärtige 
Bedeutung für die höheren Organismen nicht mehr 
darin aufgeht Ich würde auch in der Annahme keine 
ernstliche Schwierigkeit finden, daß psychisches Leben 
(Seele) durch organische Prozesse (organische Materie) 
in bestimmten Stadien ihrer Entwicklung erzeugt wurde 
und noch jetzt bei der Entwicklung jedes Individuums 
erzeugt wird. 

3 



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- 34 — 

tigen, sondern nur raten, nicht auf Grund einer 
unbewiesenen Voraussetzung dieweittragendsten 
Folgerungen zu ziehen. 

Die Möglichkeit freilich immer im Auge zu 
behalten, daß der Kausalbegriff, der ja schon ver- 
schiedene Interpretationen oder Umformungen er- 
fahren hat, in seiner gegenwärtigen Fassungsich 
später wirHich als ungenügend erweisen könnte, 
um die psychophysischen Tatsachen vollständig 
und widerspruchslos zu beschreiben. Idi denke 
hierbei nicht an die Verurteilung des Kausal- 
begriffes öbeitiaupt durch Naturforscher, die 
alles Reden von Kraft und Ursache als Feti- 
schismus verdammen und den mathematischen 
Funktionsbegriff an die Stelle setzen wollen. 
Sie haben rohe Kausalitätsvorstdlungen im 
Auge statt der hochgesteigerten Abstraktionen, 
wie sie besonders von Lotze in scharfer Ge- 
dankenarbeit entwickelt wurden. Sie schütten 
das Kind mit dem Bade aus. Der Kausal- 
begriff, dessen der Physiker bedarf, deckt sich 
schon darum nicht mit dem bloßen Funk- 
tionsbegriff, weil dieser nichts von Zeitfolge 
und Veränderung enthält Aber der Kausal- 
begriff in dieser Form gehört andrerseits auch 
nicht zu den gänzlich einfachen Stammbegriffen 
unsres Verstandes und ist daher der Umbildung 
in der Weise fähig, daß Merkmale, die für ein 
Gebiet zutreffen, für ein andres als unzutreffend 



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- 35 - 

befunden werden können. Und so könnte es 
geschehen, daß er eines Tages für die psycho* 
physischen Bedürfnisse irgendwie modifiziert 
werden müßte. Aber auch dann würden wir 
nicht zur bloßen Parallelitätslehre zurückkehren, 
sondern von dem gegenwärtigen Kausalbegriff 
zu höheren Abstraktionen zu gelangen suchen, 
in ähnlicher Weise etwa, wie die Mathematiker 
den Begriff des Raumes zu dem einer sog. 
Mannigfaltigkeit erweitert haben. Vorläufig in- 
dessen tut auch der gegenwärtige abgeklärte 
Kausalbegriff, soviel ich sehe, noch seine Dienste. 
Selbst der Dualismus in der Beschaffenheit 
des Wirklichen, über den wir nach dem Vor- 
angehenden nicht hinauskommen, der an irgend 
einer Stelle, in irgend einer Form stets wieder- 
kehrt, ließe sich, wenn man kühne Träume 
nähren will, dadurch überwunden denken, daß 
wir außer den beiden uns allein gegebenen 
Realitätsformen unzählige annehmen, sei es 
gleichzeitig existierend sei's in zeitlicher Ent- 
wicklung aus einander hervorgehend, wie ja 
schon die geistige aus der physischen hervor- 
gegangen sein mag. Bereits Spinoza dachte sich 
die beiden „Attribute" nicht als die einzigen, 
sondern nur als die unsrer Erkenntnis zugäng- 
lichen unter den unendlich vielen Attributen, die 
das Wesen Gottes oder der Welt ausmachen. 
Im Übrigen darf uns, wenn man vor so höch- 
st 



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— 36 — 

gehenden metaphysischen Spekulationen zuriick- 
scheut, der bloße Name Dualismus nicht zu sehr 
stören. Vielen scheint er wie das ärgste Schimpf- 
wort zu klingen, das sie in keinem Fall auf sich 
sitzen lassen möchten; die jammervollste Kon- 
fusion ist ihnen lieber als ein Dualismus. Ich 
kann darin nichts so Farchterliches finden, 
solange nur die Einheit des Zusammenwirkens 
und der obersten Gesetze gewahrt bleibt 

Ich muß darauf verzichten, in dieser 
Stunde über die allgemeinsten Betrachtungen 
hinauszugehen, zu denen der augenblickliche 
Stand einer seit Jahrtausenden verhandelten 
Frage drängt. Auch der Kongreß selbst wird 
uns hierin vermutlich nicht weiter bringen, da 
über derartige Gegenstände jeder in einsamer 
konzentrierter Denkarbeit mit sich zu Rate gehen 
muß. Immerhin schien mir ein einleitendes Wort, 
mag es auch den Stempel individuellen Dafür- 
haltens tragen, sich eher auf diese im Zentrum 
air unsrer Bestrebungen stehende Frage be- 
ziehen zu müssen als auf irgend welche Ein- 
zelheiten. 

Und daß wir doch auch hierin vorwärts 
kommen, darf bei solcher Gelegenheit über- 
triebener Resignation gegenüber wohl hervor- 
gehoben werden. Die Untersuchungen über 
Leib und Seele haben seit den Zeiten des 
Descartes und Spinoza außerordentlich an 



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- 37 - 

Präzision gewonnen. Die philosophisclie Ana- 
lyse des Substanz- und des Kausalbegriffes, 
die Entdeckung des Energiegesetzes, die Ent- 
stehung der Psychophysik, das siegreiche Durch- 
dringen der Entwicklungslehre, die Fortschritte 
der Anatomie und Physiologie der Zentralorgane, 
speziell die Untersuchungen über die Loka- 
lisation der geistigen Tätigkeiten: alles hat bei- 
getragen, die eine in Bausch und Bogen ge- 
stellte Frage in viele schärfer gefaßte zu zer- 
legen. Unsre Aufgabe wird es jetzt sein, jeden 
Ansatz zu dogmatischer Erstarrung auch in 
diesen Dingen fernzuhalten und nicht, wie der 
gemeine Mann, über das Schwerste am leich- 
testen und zuversichtlichsten abzusprechen. 
Auch die Begriffe unterliegen einer Entwicklung, 
einer fortschreitenden Anpassung an die ge- 
nauere Kenntnis der Tatsachen. Auch mit den 
Begriffen gilt es zu experimentieren, bald diesen 
bald jenen an die Erscheinungen zu halten; und 
nachdem wir uns gewöhnt haben, mit Appa- 
raten den Seelenerscheinungen zu nahen, wollen 
wir nicht versäumen, gleichermaßen den lo- 
gischen Apparat weiterzubilden, daß er die 
wachsende Summe der Tatsachen immer klarer 
und konsequenter durchdringe. 

So eröffne ich die Arbeiten dieses Kon- 
gresses, in der Hoffnung und Überzeugung, 



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- 38 - 

daß der persönliche Verkehr seine unver- 
gleichlich anregende Kraft auch diesmal be- 
währe, daß bedeutsames Material, fruchtbare 
Gesichtspunkte zur Kenntnis gebracht, daß 
manche sachliche Verständigung vorbereitet, 
manch unnötig verschärfter Gegensatz ge- 
mildert und allenthalben das Gefühl des Zu- 
sammenwirkens unter den Forschem gestärkt 
werde. 



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Der Entwicklungsgedanke 

in der 

gegenwärtigen Philosophie. 

Festrede 

am Stiftungstage der Kaiser Wilhelms-Akademie 
für das militärärztliche Bildungswesen 

Berlin, 2. Dezember 1899. 



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Hochansehnliche Festversammlung! 

In den ersten Zeiten der alten „Pepiniere" 
wurden den Zöglingen als philosophische 
Wissenschaften Moral und Logik vorgetragen. 
Der Lehrer dieser Wissenschaften, Professor 
Kiesewetter, ein treuer Kantianer, scheint es 
verstanden zu haben, die harten Nüsse der for- 
malen Denkregeln und des kategorischen Im- 
perativs den Hörern mundgerecht zu machen *) 
Trotzdem ist im Stundenplan der neugeformten 
„medizinisch -chirurgischen Akademie für das 
Militär" vom Jahr 1811 die Moral aus unbe- 
kannten Gründen bereits verschwunden. Spä- 
ter folgte ihr auch die Logik. Doch an ihre 
Stelle trat, von der Zeitströmung begünstigt, 
die Psychologie, als deren jetziger Vertreter 
an der „Kaiser Wilhelms -Akademie" ich heute 
die Ehre habe zu Ihnen zu sprechen. 

Auch die Psychologie, meine Herren, ist so 
wenig wie ihre Vorgängerinnen im Stunden- 
plan eine medizinische Wissenschaft, und sie 
gehört nicht in den Rahmen Ihrer Fakultät. 



♦) Vgl. die Festschrift des Stabsarztes Dr. Schickert 
„Die militärärztlichen Bildungsanstalten von ihrer Grün- 
dung bis zur Gegenwart« 1895, S. 38—39. 



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— 42 — 

Aber sie ist allerdings in noch höherem Grad 
als die Logik, von welcher dies unser allver- 
ehrter Virchow kürzlich mit dankenswertem 
Nachdruck betont hat, eine für die medizinische 
Bildung nützliche Hilfswissenschaft. Gäbe es 
auch keine Geisteskrankheiten und keine Psy- 
chiatrie, deren volles Verständnis die Analyse 
des normalen Seelenlebens voraussetzt: dieses 
selbst, der Durchschnittsmensch mit seinen 
Einbildungen und Vorurteilen, mit seinen Hoff- 
nungen und Ängsten, wird für den einsichtigen 
Arzt so oft Gegenstand des Nachdenkens und 
der Einwirkung, daß es nicht des über- 
triebenen Lobpreises psychischer Heilmethoden 
in alter und neuer Zeit bedarf, um doch den 
Wert einer tieferen Erkenntnis des Seelen- 
lebens für den Arzt vollauf zu würdigen. 

Dennoch, Verehrteste, gedenke ich Sie heute 
nicht in irgend eine der werktäglichen Spezial- 
untersuchungen einzuführen, wie sie jetzt einen 
so breiten Raum auch in dieser Wissenschaft 
einnehmen, sondern ich will, eingedenk, daß 
die Psychologie in Ihrem Kreise von Anfang 
an als eine philosophische Wissenschaft ver- 
standen und begehrt worden ist, nach Philo- 
sophenart in die Höhe steigen, um aus der 
Vogelperspektive Umschau zu halten über den 
Siegeszug einer Idee, welche Naturforschung 
und Philosophie gemeinschaftlich im scheiden- 



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- 43 - 

den Jahrhundert umgestaltet hat. Ich will den 
Einfluß des Entwickelungsgedankens auf die 
neuere Philosophie, die dadurch bewirkte Wen- 
dung, Vertiefung und Erweiterung der Betrach- 
tungen auf allen Gebieten des philosophischen 
Denkens in kurzen Zügen zu schildern ver- 
suchen. 

Eine entwicklungsgeschichtliche Betrach- 
tungsweise ist in der Philosophie nicht zuerst 
von den Naturwissenschaften, sondern von den 
konkreten Geisteswissenschaften her einge- 
drungen. Hier ist sie bekanntlich schon sehr 
lange heimisch. Ein zeitliches Werden von 
Staat, Recht, Sprache, Sitte, Kunst war an- 
gesichts der primitiven Lebensformen barba- 
rischer Völker schon dem Altertum kein fremder 
Gedanke, von Lukrez sogar in einer recht 
modern anmutenden Weise im Einzelnen aus- 
gemalt Seit dem Zeitalter der geographischen 
Entdeckungen wurde durch das wachsende 
Material der Völkerkunde die entwicklungs- 
geschichtliche Auffassung sozialer Erschei- 
nungen immer mehr Gemeingut Herder wußte 
in seinen „Ideen" auch die physischen Lebens- 
bedingungen der Menschen in einer bewun- 
derungswürdigen Weise zur Erklärung heran- 
zuziehen. Die deutschen Meister der konkreten 
Geisteswissenschaften, die W, v. Humboldt, 



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- 44 — 

Savigny, J. Grimm, drängten durch die Fülle 
der auf historischem Wege gewonnenen Ein- 
sichten die abstrakt-rationalistische Behandlung 
stark in den Hintergrund. Gegen seinen Willen 
hat auch Hegel dazu beigetragen. Er teilte 
die Überzeugung von den „ewigen ehernen 
Gesetzen, nach denen wir alle unsres Daseins 
Kreise vollenden". Aber er glaubte diese Ent- 
wicklungsgesetze a priori der Wirklichkeit 
vorschreiben zu können. Das Unternehmen 
scheiterte — und brachte so der rein historisch- 
empirischen Ansicht neue Verstärkung. 

Es kam nun dahin, daß manche, besiegt von 
der verwirrenden Mannigfaltigkeit der ethno- 
logischen und geschichtlichen Verschieden- 
heiten, geradezu die Ästhetik für bloße Kunst- 
geschichte, die Rechtsphilosophie für bloße 
Rechtsgeschichte, die Ethik für bloße Sitten- 
geschichte erklärten. „Diese Wissenschaften, 
sagte man, normieren nichts, sie konstatieren 
bloß. Die Ethik gibt nur Aufschluß, wie ge- 
wisse Handlungen mit gewissen Lebenszwecken 
zusammenhängen; die Lebenszwecke selbst 
kann sie weder beweisen noch wideriegen. 
Sie muß zu den gegebenen Wertschätzungen 
ihr Ja und Amen sagen. Wenn Einzelne, wie 
Nietzsche, eine völlige Umkehrung aller Werte 
befürworten, so hat es keinen Sinn, dagegen 
zu streiten." Aoich die Pädagogik sagt nach 



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— 45 - 

dieser Tatsachen-Philosophie nicht mehr: „Er- 
zieht eure Kinder zu so und so beschaffenen 
Menschen", sondern sie beantwortet die rein 
theoretische Frage: „Wenn man Kinder zu 
solchen Menschen erziehen will, wie ihr sie 
euch nun einmal denkt, welche Kausalprozesse 
führen zu diesem Erfolg?** 

So wäre denn der ehrwürdige kategorische 
Imperativ zu einem ganz und gar hypothe- 
tischen geworden. 

Ob aber die extremen Fürsprecher histo- 
rischer Auffassungsweise nicht doch über's 
Ziel hinausschießen? Ob sie nicht, sich selbst 
mißverstehend, einem Skeptizismus das Wort 
reden, der mit der tatsächlichen Wirklichkeit 
noch weniger stimmt als die alte Vorstellung 
ewig unwandelbarer und allgemein gültiger 
Normen? Wir selbst haben heute nicht Unter- 
suchungen zu führen, sondern Ideenbewegungen 
darzustellen. Aber eben darum möchte ich auch 
dem Ausdruck geben, was Vielen hierüber im 
Sinne liegt, die den Geist der Entwicklungs- 
lehre richtiger zu fassen glauben. 

In der Kunst ist es ja eine alte Rede, daß 
man über den Geschmack nicht streiten könne; 
und die Gegenwart gewöhnt uns nicht bloß 
durch ihre historische Vertiefung, sondern auch 
durch ihre eigene Vielgestaltigkeit an ein 
weitherziges Geltenlassen der verschiedensten 



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- 46 - 

Richtungen. Dennoch wird man nicht auf- 
hören, innerhalb jeder Richtung das Seichte, 
Geistlos - Äußerliche , Nachempfundene vom 
Tiefen, Wahrhaften, Eigenartigen zu scheiden 
und dem ungebildeten Geschmack des Neu- 
lings den des Reifen, Erfahrenen als maßgebend 
gegenüberzustellen. Man wird stets von Zeiten 
des Verfalls reden, wo eine raffinierte Technik 
den Mangel ursprünglicher Empfindung ver- 
decken muß u. s. w. Hierbei werden Kriterien 
angewandt, die keineswegs nur traditionell sind, 
sondern recht oder schlecht aus dem Wesen 
der Kunst abgeleitet werden. Wohl kann man 
auch über diese Kriterien noch streiten; wie 
das Beispiel des Grafen Tolstoi zeigt, wenn 
er nur die Erweckung religiöser Gefühle als 
Kunstzweck gelten läßt und zugleich alle Werke 
streichen will, die nicht seinen russischen 
Bauern verständlich sind. Aber wir würden 
nicht gegen ihn streiten, nicht die ganze Breite 
des Lebens und der Lebensstimmungen für 
die Kunst reklamieren, wenn wir nicht gleich- 
falls Waffen zu besitzen glaubten, die aus den 
Daseinsbedingungen der Kunst und ihrerStellung 
innerhalb menschlicher Lebenszwecke her- 
genommen werden. Die Ästhetik würde ihre 
Aufgabe schlecht erfüllen, wenn sie solchen 
Fragen kleinlaut aus dem Wege ginge. Die 
Kenntnis der historischen und selbst der prä- 



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— 47 - 

historischen Kunst stört sie in dieser Aufgabe 
nicht, sondern trägt wesentlich bei zur Lösung. 

So ist es nun auch in der Ethik ganz gewiß 
nicht der Weisheit letzter Schluß, daß die sitt- 
lichen Ideen nun einmal so sind wie sie sind, 
und daß ihre Umwandlung sozusagen von Zufall 
oder Willkür abhängt. Ihre Umwandlung hängt 
in verständlicher Weise zusammen mit den 
Wandlungen der Lebensverfiältnisse; und diese 
Rationalität selbst macht sich für unser Be- 
wußtsein mehr und mehr geltend an Stelle der 
zuerst bloß instinktiven Gefühlsweise. Der 
Einzelne kann darum durch Rede und Tat 
nur insofern in die Weiterbildung eingreifen, 
als er zur Klarheit bringt, was Millionen schon 
dunkel gefühlt haben. Am wenigsten isfs 
möglich, uns zu überwundenen sittlichen Stand- 
punkten zurückzukommandieren. Wie körper- 
liche Organe, die nicht mehr in die veränderten 
Lebensbedingungen passen, rudimentär werden, 
so geht es auch mit sittlichen Anschauungen. 
Mit dem wachsenden Zusammenschluß der Indi- 
viduen zu größeren Lebensgemeinschaften, der 
ein biologisches Gesetz ist, verträgt sich immer 
weniger die Tendenz, den Einzelnen zum selbst- 
herrlichen Mittelpunkt der Welt zu machen. 
Jede „Umwertung der Werte" in dieser Richtung 
ist nichts weiter als ein Atavismus. 

Wie freilich jenes Rationelle, das Kant die 



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— 48 — 

praktische Vernunft und die gewöhnliche Sprache 
das Gewissen nennt, wie jenes einleuchtende 
klare „Du sollst", wie die spezifischen Gefühle 
der Achtung und Verachtung, auch der Selbst- 
verachtung, entstehen konnten, das ist trotz 
aller Bemühungen der gegenwärtigen sozial- 
historischen Ethik noch nicht genügend dar- 
gestellt. Der Übergang von den blinden Trieben 
und den gewohnheitsmäßig befolgten Sitten zur 
bewußten Sittlichkeit erscheint doch immer 
wie ein Sprung, den man nur insofern ab- 
schwächen kann, als man sich das Neue in 
unendlich kleinen Anfängen denkt. 

Nachdem nun durch Darwins geniales 
Eingreifen die gesamte organische Natur dem 
Gesichtspunkt der Entwicklung untergeordnet 
worden, hat man neben der menschlichen auch 
die tierische Entwicklungsgeschichte für die 
erwähnten Fragen nutzbar gemacht. Man hat 
die Staatenbildung und das Familienleben der 
Tiere, ihre Verständigungsmittel, ihre Spiele und 
künstlerischen Betätigungen ausführlich unter- 
sucht. Sehr viel Wertvolles ist so zu Tage ge- 
kommen. Aber, um es offen zu sagen, im Ganzen 
dürften wir doch aus der Analyse und histo- 
rischen Erkenntnis der menschlichen Lebens- 
formen mehr für das Verständnis der tierischen 
gewinnen als umgekehrt. Denn das mensch- 
liche Seelenleben ist uns allein in unmittelbarer 



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- 49 - 

Beobachtung zugänglich, während wir das tie* 
rische nur mittelbar erschließen können. Immer- 
hin ist es richtig, daß der springende Punkt oft 
noch besser heraustritt, wenn wir beispielsweise 
die Formen der menschlichen Sprache oder 
Musik oder Technik auch mit entsprechenden Er- 
scheinungen im Tierreich, als wenn wir sie bloß 
untereinander vergleichen. Dazu kommt, daß die 
Geschichte der Organismen in körperiicher Be- 
ziehung uns mit Prozessen bekannt gemacht hat, 
deren Analoga wir dann oft auch im geistigen 
Gebiet wiederfinden. Längst sind darum die 
Ausdrücke und Begriffe des Darwinismus in 
die Geisteswissenschaften eingedrungen. 

Viel engere Beziehungen hat aber die Deszen- 
denzlehre zu der Grundwissenschaft, von welcher 
die bisher besprochenen philosophischen Diszi- 
plinen alle ausgehen, zur Lehre von den ele- 
mentaren psychischen Funktionen, zur Psy- 
chologie. Namentlich in den Untersuchungen, 
die den unmittelbaren Zusammenhang und die 
Wechselwirkung des Individuums mit der Außen- 
welt, die Sinneswahrnehmungen und die Be- 
wegungen, betreffen, kommt natürlicherweise 
auch die Vielfältigkeit der Formen, in denen 
sich diese Wechselwirkung vollzieht, und die 
Anpassung der Lebewesen an ihre jeweiligen 
Lebensbedingungen zur Sprache. Die Ent- 
wicklungslehre hat hier weitergeführt, was be- 

4 



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— 50 — 

reits durch die vergleichende Morphologie und 
Physiologie begonnen war. Die prinzipiellen 
Fragen der Sinneslehre, wie z. B. Ober Ur- 
sprüngliches und Erworbenes in den Raum- 
anschauungen, Ober spezifische Energien, Ober 
die Gesetze der sinnlichen Lust und Unlust, 
führen zuletzt auf die Spuren genereller Ent- 
wicklung. Beobachtungen und Versuche an 
Tieren aller Art werden hier unentbehrlich. 
Wir erfahren von ganz neuen Sinnesorganen, 
wir erkennen den integrierenden Zusammen- 
hang der Muskulatur, der Nervenleitung, der 
Zentralteile mit den Sinnesorganen. Vergleicht 
man die Lehre des Aristoteles, dem Zoologie 
und Psychologie gemeinsam ihre Grundlegung 
verdanken, daß unsre fünf oder sechs Sinne 
die einzigmöglichen seien und daß auch die 
objektive Welt keine anderen Eigenschaften 
haben könne als sich in diesen Sinnen offen- 
baren, mit den weiteren Ausblicken der gegen- 
wärtigen Sinnesphysiologie, so wird man solchen 
Erkenntnissen auch einen allgemein-philoso- 
phischen Wert nicht absprechen. 

Unter den Bewegungen sind es die unwill- 
küriichen Ausdrucksbewegungen, die einer 
phylogenetischen Erklärungsweise am besten 
zugänglich scheinen. Darwin hat bekanntlich 
eine solche bereits versucht und auch hier durch 
umfassende Beobachtungen und kühne Konzep- 



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- 51 — 

tionen anregend gewirkt Seinen Erklärungs- 
gründen sind andere und wichtigere hinzuge- 
fügt worden. Ist auch das meiste hypothetisch 
und stehen wir erst am Anfang, so bleibt es 
doch ein Gewinn, sich nicht mehr mit der Ver- 
sichening begnügen zu müssen, daß nun ein- 
mal bestimmten Affekten bestimmte Ausdrucks- 
formen zugeordnet sind, daß aber eigentiich 
ebensogut das Schmunzeln an den Zorn oder 
Herzkrämpfe an die Begrüßung eines guten 
Bekannten geknüpft sein könnten. 

Djer Nachweis der allmählichen Entstehung 
willkürlicher Bewegungen im Tierreich leidet 
an der Schwierigkeit, die Grenze zwischen den 
bloßen Reflex- und Instinkthandlungen und den 
Willenshandlungen zu bestimmen, wodurch 
manche auf den phantastischen Ausweg ge- 
führt wurden, sämtiiche Reaktionen auf Sinnes- 
reize, auch schon bei den Protisten, zu den 
Willensäußerungen zu rechnen. Hier wird es 
notwendig sein, die genetische Betrachtungs- 
weise zunächst beim menschlichen Individuum, 
dessen Kindheitsgeschichte alltäglich offen steht 
und doch noch so viele Dunkelheiten birgt, 
möglichst genau durchzuführen. 

Aber über jene Vorstufen der eigentiichen 
Willenshandlungen, über die reflektorischen 
und die instinktiven Tätigkeiten, sind wir durch 
die Deszendenzlehre besser als früher aufgeklärt. 

4* 



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- 52 — 

Wenn nicht alle, so doch manche der wunderbar 
zweckmäßigen Verrichtungen der Tiere und 
Menschen sind durch das Prinzip der natür- 
lichen Auslese verständlicher geworden. Noch 
mehr würde allerdings gerade hier die Vererbung 
individuell erworbener Erfahrungen leisten, wenn 
dieses Prinzip in größerem Umfange benutzt 
werden darf. Und zuletzt ist ja auch die Tra- 
dition von Erfahrungen durch Nachahmung bei 
den Tieren nicht ausgeschlossen. 

Aus jedem dieser Einzelgebiete des psychi- 
schen Lebens führt nun aber der Weg unver- 
meidlich auf die Fragen, die den Zusammen- 
hang zwischen dem Psychischen und dem 
Physischen überhaupt und die letzten Struktur- 
gesetze des Weltganzen betreffen. Die Psycho- 
logie mündet so zusammen mit der Physik in 
die Metaphysik oder — wenn man diesen 
Ausdruck nicht gerne hört — in das Fragen- 
gebiet der allgemeinen Weltanschauung. Auch 
diese stellt sich heute auf den Boden der Er- 
fahrung. Sie will nur das, was die besonderen 
Gebiete an Begriffen und Gesetzen ausbilden, so 
umfassend wie möglich und doch ohne Einbuße 
an Genauigkeit formulieren. Hier begegnen 
wir daher auch einer allgemein - kosmischen 
Entwicklungslehre, die außer dem gesamten 
Reich der Organismen auch die unorganische 



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— 53 - 

Welt umfaßt Hochbedeutsame Fragestellungen 
sind damit in den Gesichtskreis der Wissen- 
schaften erst eingetreten oder zu brennenden 
geworden. Nur die philosophisch wichtigsten 
seien hier hervorgehoben. 

Ich rechne hierzu nicht die berühmte Frage 
nach der Urzeugung oder dem ersten Entstehen 
organisierter Materien auf der erkaheten Erd- 
rinde. Hierüber ist es seit 30 Jahren stiller ge- 
worden. Erledigt ist die Frage nicht Aber die 
Philosophen haben sich von der Diskussion zu- 
rückgezogen. Und sie haben wohl daran getan, 
da Schwierigkeiten erkenntnistheoretischer oder 
metaphysischer Art hierin kaum verborgen sind, 
und wir keinen Grund haben, unsre häuslichen 
Sorgen auch noch durch innere Angelegen- 
heiten der Naturforschung zu vermehren. 

Anders steht es in Bezug auf die Anfänge 
des psychischen Lebens. Daß hier etwas 
Neues auftritt, ist zweifellos. Die darin liegende 
Schwierigkeit für die Entwicklungslehre hat 
Du Bois-Reymond auf eine besonders ein- 
dringliche Weise hervorgehoben. Um ihr zu 
entgehen, lassen viele das psychische Leben 
schon in den Atomen des ursprünglichen Gas- 
balls unbewußt verborgen liegen; nur das Be- 
wußtsein soll später bei der Bildung von Zellen 
oder Zellgruppen hinzutreten* Man kommt so 
wieder zur Lehre von der allgemeinen Beseelung, 



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— 54 — 

da natürlicherweise auch jetzt noch die Atome 
der unorganischen Welt jene unbewußt -psy- 
chischen Eigenschaften besitzen müssen, die von 
Anfang an zu ihrer Natur gehören sollen. Ab- 
gesehen von dem logischen Dienst, den diese 
Lehre durch Beseitigung der genannten Schwie- 
rigkeit zu leisten scheint, übt sie auf manche auch 
einen poetischen Reiz, und sie befreit, scheinbar 
wenigstens, von der wunderlichen Vorstellung 
einer Welt, die Jahrmillionen oder gar durch un- 
endliche Zeit bis zum Auftreten der Organismen 
nur dazu da gewesen wäre, um (wie Fichte 
spottete) „den Raum auszustopfen**. 

Gleichwohl ist damit nicht viel geholfen. 
Ob es überhaupt einen Sinn hat, von Em- 
pfindung, von Gefühl ohne Bewußtsein zu reden, 
und ob solchen Zuständen eine besondere 
Poesie oder Zweckmäßigkeit innewohnen kann, 
wollen wir hier dahingestellt sein lassen. Jeden- 
falls aber ist die Verwandlung unbewußter 
Empfindungen in bewußte auch ein Sprung 
und bildet gerade das Auftreten des Bewußt- 
seins den Kern des ganzen Rätsels. 

Man müßte also auch das Bewußtsein schon 
von Anbeginn vorhanden denken oder gar die 
materiellen Prozesse der unorganischen Natur 
selbst als Bewußtseinsinhalte definieren: womit 
man auf dem Standpunkt des sog. Idealismus 
angelangt wäre, für den es überhaupt keine 



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— 55 — 

Materie im alten Sinne mehr gibt. Aber wer 
sieht nicht, daß dann die Lücke wieder klafft 
zwischen dem ewigen Allgemeinbewußtsein 
(der früheren Materie) und dem zeitlich ent- 
stehenden Einzelbewußtsein? daß die Entstehung 
des letzteren genau dieselbe Schwierigkeit nur 
mit anderen Worten wiederbringt? daß über- 
haupt diese ganze Umdeutung der Materie ein 
bloßes Spiel mit Worten ist? — 

Wir müssen uns, denke ich, vergegenwär- 
tigen, daß psychisches Leben nicht ein für 
allemal vor undenklichen Zeiten entstanden ist^ 
sondern daß es fortwährend entsteht. Ein 
Wunder, das sich regelmäßig unter bestimmten 
Umständen wiederholt, ist kein Wunder mehr, 
sondern gehört selbst unter die Naturgesetze. 
Wo und wann immer die Entwicklung einer 
Zellengruppe bestimmte Formen erreicht, da 
muß Psychisches, und zwar ebenfalls von be- 
stimmter Art, entstehen. Ob wir hierbei die 
organischen Bedingungen als Ursache, die 
psychischen als Wirkung bezeichnen dürfen, 
ist strittig, da manche an der Übertragung des 
Kausalverhältnisses auf diesen Fall Anstoß 
nehmen. Um eine gemeinschaftliche Basis zu 
haben, mag es für unsern gegenwärtigen Zweck 
genügen, von einem funktionellen Verhältnis 
in jenem allgemeinsten Sinne zu sprechen, den 
man der Mathematik entlehnen kann; also eine 



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- 56 - 

Erscheinung y die Funktion einer Erscheinung x 
zu nennen, wenn aus jeder Veränderung von x 
eine bestimmte Veränderung von y erschlossen 
werden kann. Ein Kausalverhältnis besagt ja 
mehr als ein bloß funktionelles Verhältnis im ma- 
thematischen Sinn: aber dieses allen Anschau- 
ungen gemeinschaftliche Minimum genügt, «m 
unsre weiteren Betrachtungen daran zu knüpfen. 

Wir brauchen nur daran zu erinnern, daß 
gerade die mathematische Funktionenlehre Fälle 
kennt, in denen einer stetigen Veränderung vonx 
unstetige Veränderungen vony entsprechen. Ana- 
loges (mag auch die Analogie nur eine schwache 
sein) scheint nun in der Gesamtentwicklung der 
Welt vorzukommen. Vielleicht schon innerhalb 
des rein physischen Gebietes. Jedenfalls aber 
bei der Entstehung des psychischen Lebens; und 
nicht minder im Laufe seiner weiteren Entwick- 
lung. Denn es kommen da eine Menge qualita- 
tiver und spezifischer Differenzen zum Vorschein, 
die doch mit bloß quantitativen und graduellen 
auf der physischen Seite zusammenhängen. 

Denken wir zunächst an die Sinnesempfin- 
dungen. Niemand glaubt, daß Farben und Töne 
schon von allem Anfang zum Empfindungs- 
material gehörten. Vielmehr stellen wir uns 
vor, daß dieses nur aus einem einzigen Quali- 
tätenkreis bestand, etwa aus Berührungsempfin- 
dungen oder einem ganz verschwundenen Ursinn. 



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— 57 - 

Die Entwicklungslehre statuiert demgemäß ein 
allmähliches Hinzukommen der sog. höheren 
Sinne zu den niederen. Nun hat aber ein 
gradueller Übergang von Berührungsempfin- 
dungen in Gerüche, Farben oder Töne etwas 
Absurdes. Diese Empfindungen sind im vollsten 
Sinne spezifisch verschieden. Den gesuchten 
Menschenaffen kann man sich doch wenigstens 
vorstellen, wenn er nicht schon wirklich ge- 
funden ist Aber eine Berührungsempfindung, 
die im Begriff ist, stetig in einen Geruch oder 
in eine Farbe überzugehen — das ist nicht 
bloß für unsre Phantasie, das ist für unser 
Denken eine Unmöglichkeit 

Die Empfindungsqualitäten der höheren 
Sinne kommen also jedesmal als etwas durch- 
aus Neues zum Früheren hinzu. Ein „neutraler"* 
Ursinn macht die Sache nicht besser, er ver- 
mehrt nur die Zahl der unstetigen Obergänge 
um einen weiteren. Denn Sinnesempfindungen 
ohne bestimmte Qualität kann es so wenig 
geben wie chemische Elemente ohne bestimmte 
Eigenschaften. Neutral könnte man sie also 
nur insofern nennen, als ;sie eben mit keiner 
der uns bekannten Empfindungen zusammen- 
fallen. Es leuchtet ein, daß das bloße Wort an der 
Sache nichts ändert und die Kluft nicht beseitigt 

Anders steht es auf der physischen Seite. 
Die Ausbildung der Sinnesorgane und Sinnes- 



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- 58 — 

Zentren kann sehr wohl als eine stetige, wenn- 
gleich nach verschiedenen Richtungen ver- 
laufende, gedacht werden. Die Ganglienzellen 
oder Neuronen, von denen die Empfindungen 
abhängen, enthalten doch schließlich die gleichen 
Grundstoffe, nur in ungleicher Mischung und 
Anordnung; und auch ihre Formen können aus 
einer Grundform ohne jeden Sprung entstanden 
sein. Insofern wird man sagen müssen, daß 
auf physischer Seite nicht die Heterogenität 
zu finden ist, die uns in den Klassen der Em- 
pfindungen selbst entgegentritt 

So führt schon die Erwägung dieser ein- 
fachen Tatsachen zu der Vorstellung, daß einer 
im Ganzen stetig fortschreitenden Entwicklung 
auf physischem Gebiet eine unstetige auf psy- 
chischem zugeordnet ist, daß graduellen und 
quantitativen Verschiedenheiten auf der einen 
Seite qualitative und spezifische auf der andern 
entsprechen können. 

Weitergehende Zergliederung des geistigen 
Lebens lehrt auf Schritt und Tritt neue Funk- 
tionen oder Gebilde kennen, die sich nicht 
restlos in Sinnesempfindungen oder sinnliche 
Gefühle auflösen lassen, wie das Zeitbewußtsein, 
das Gedächtnis, die Unterscheidung und Zu- 
sammenfassung, die Abstraktion, das Urteilen, 
die Gemütsbewegungen aller Art, das Begehren, 
Streben, Wollen (ich führe diese Beispiele hier 



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- 59 — 

nebeneinander an, ohne Rücksicht auf feinere 
psychologische Klassifikationsfragen). Während 
die Erforschung der Natur immer mehr dahin 
drängt, die Verschiedenheiten des Organischen 
vom Unorganischen, der chemischen von den 
physikalischen Prozessen und wiederum die Ver- 
schiedenheiten innerhalb jeder dieser Gruppen 
auf einheitliche Stoffe und Kräfte zurückzu- 
führen, sieht sich der Psychologe bei genauer 
Prüfung auf die Anerkennung zahlreicher eigen- 
artiger Elemente und Vorgänge geführt Und 
dennoch muß die generelle Entwicklung des 
Psychischen sich in engster Gemeinschaft mit 
der des Physischen vollzogen haben. 

Um nur einen Punkt besonders herauszu- 
greifen, sei an das Verhältnis des tierischen 
und menschlichen Seelenlebens erinnert Trotz 
aller Analogien, welch ungeheure Kluft doch 
wieder, die uns von den höheren Wirbeltieren 
trennt! Auch den niedersten Menschenrassen 
eignet der sprachliche Ausdruck allgemeiner 
Begriffe, ein Besitz von unerschöpflicher Trag- 
weite, zu dem wir die nächststehenden Tiere 
bisher vergebens zu erziehen suchen. Auf ana- 
tomischer Seite aber schreitet die Organisation 
stetig voran. Immer mehr Windungen zeigt 
das Gehirn, immer größer wird sein Gewicht 
gegenüber der übrigen Nervenmasse; nirgends 
dagegen eine fundamentale Neu- oder Um- 



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— 60 — 

bildung, die dem durch die Allgemeinbegriffe 
und die Sprache ermöglichten psychischen Neu- 
besitz gleichwertig wäre. Und so scheint die 
Paradoxie sich wieder nur durch die Annahme 
zu lösen, daß graduelle Fortbildungen auf der 
einen Seite spezifische Neubildungen auf der 
andern zur Folge haben können. Von Zeit zu 
Zeit wird gleichsam eine Schleuse aufgezogen, 
nicht durch äußere, sondern durch innere Kräfte 
des schwellenden Entwicklungsstromes selbst, 
und seine Fluten überrieseln das Land zur 
Hervorbringung eigenartiger Vegetationen. Ist 
auch das letzte Wort hiermit sicher nicht ge- 
sprochen und das wissenschaftliche Bedürfnis 
mit dieser Formulierung nicht endgültig be- 
friedigt (wie man mir an der Hand des eben 
gebrauchten Gleichnisses deutlich nachweisen 
wird), so mag sie doch als eine voriäufige Zu- 
sammenfassung und kurze Bezeichnung psycho- 
physischer Entwicklungstatsachen gelten. 

Außer dem Problem des Bewußtseins ist es 
das der Zweckmäßigkeit, welches durch die 
Entwicklungslehre und besonders durch ihre 
darwinistische Form neu aufgerüttelt wurde. 
Die Stelle eines zwecksetzenden V/eltordners 
schien nunmehr der Kampf um's Dasein zu 
übernehmen, indem er die fortschreitende An- 
passung der Organismen an ihre Lebensbe- 



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— 61 — 

dingungen durch den Untergang der weniger 
angepaßten und die Fortpflanzung der besser 
angepaßten bewirkt. Die Zoologen und Bota- 
niker der Gegenwart denken über diese ur- 
sprüngliche Form des Darwinismus vielfach 
skeptisch. Die natürliche Zuchtwahl scheint 
ihnen eine Rolle zu spielen, aber nicht die ent- 
scheidende; schon darum nicht, weil ein Organ 
meistens erst dann funktionsfähig und nutz- 
bringend ist, wenn es bereits eine gewisse Aus- 
bildung erreicht hat Dazu die großen Dunkel- 
heiten der Vererbungserscheinungen. So sind 
neue Anpassungs- und Entwicklungstheorien ent- 
standen, zum Teil auf Lamarck's Ideen zurück- 
greifend; worauf einzugehen hier nicht meines 
Amtes ist. Was aber jeder festhält, ist die For- 
derung einer Erklärung des gewaltigen Pro- 
zesses aus natürlichen inneren Kräften. Derselben 
Forderung ordnet sich ja auch unter, was wir 
vorher über Einfügung der Bewußtseinserschei- 
nungen in die Kette der Naturvorgänge bemerkten. 
Dieses Prinzip ist ein durchaus philoso- 
phisches. Erinnern wir uns nur daran, daß 
Leibniz es war, der gegen Newton die Gleich- 
heit der Bewegungsrichtung der Planeten statt 
auf unmittelbar göttliche Anordnung auf eine 
nächstliegende mechanische Ursache zurückge- 
führt wissen wollte; daß Lotze die ausnahms- 
los allgemeine Durchführung des Mechanismus 



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— 62 -- 

als einen Grundpfeiler seiner Weltanschauung 
hinstellte. 

Aber mit Leibniz und Lotze, mitE.v.Baer 
und Weismann und wohl den meisten denken- 
den Naturforschem müssen wir hinzufügen, 
daß die Fragen der Teleologie hiemach nur in 
anderer Form wiederkehren. Statt beschränkter 
Zusammenordnungen im Einzelnen bewundern 
wir nun um so mehr die des Ganzen und die 
Abhängigkeit alles Einzelnen von ihr. Schließ- 
lich ist ja selbst das Zusammenstimmen der 
Elementarteilchen der Materie in ihren all- 
gemeinsten Eigenschaften und Kräften nur ein 
viel extremerer Fall von Homologie oder Koor- 
dination als alle, die wir unter den Organismen 
finden, oder als die Übereinstimmungen in der Be- 
wegungsrichtung der Planeten. Damm ist auch 
die Einheit des letzten Weltprinzips ein logisch 
durchaus unabweisbarer Gedanke. Freilich 
kann es zunächst ebensowohl im pantheis- 
tischen wie theistischen Sinn gefaßt werden 
und bleibt ein so abstraktes Postulat weit ent- 
fernt vom Begriff eines lebendigen Gottes. 

Man hat nun auch darauf hingewiesen, daß 
zweckmäßige Gebilde doch niemals aus be- 
liebigen, sondem immer nur aus bestimmt dis- 
ponierten Anfangszuständen hervorgehen. Wohl 
in diesem Sinne spricht Kölliker von einem 
„Entwicklungsplan" und hat sich damit viel 



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— 63 — 

Angriffe zugezogen, da man etwas naturwissen- 
schaftlich Undefinierbares oder Unzulässiges 
dahinter suchte. Aber der Begriff dürfte sich 
einwandfrei erläutern lassen. Er bezeichnet 
zunächst nur ein solches mechanisches Ver- 
hältnis gegebener Elemente, demzufolge sie 
sich zu zweckmäßigen Endgebilden weiter- 
entwickeln können bez. müssen. 

Es scheint mir in der Tat, daß man jenen 
Satz allgemein vertreten kann. Auch die natür- 
liche Auslese wirkt nur unter der Bedingung, 
daß eine Anzahl von Gebilden mit bestimmter 
Struktur bereits vorhanden ist. Für das unor- 
ganische Gebiet würde sich Ähnliches ergeben. 
Auch ändert sich nichts an diesem Sachverhalt, 
wenn wir die Entwicklung schlechthin anfangslos 
denken; er gilt eben dann von jedem beliebig 
herausgegriffenen relativen Anfangszustand. 
Man könnte es geradezu als eine mathematisch- 
physikalische Aufgabe hinstellen, an deren Lö- 
sung die Analysis allerdings vorläufig kaum 
denken kann: unter den sämtlichen denkbaren 
Lagerungen einer gegebenen Zahl von Elementar- 
teilchen mit bestimmten Kräften diejenigen zu 
finden, die durch ihre Wechselwirkung einen 
Zustand herbeiführen, welcher zweckmäßige 
Gebilde einschließt Zweckmäßig würde man 
dabei (unter Vorbehalt genauerer Eriäuterungen) 
solche Gebilde nennen, die durch Verbindung ver- 



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— 64 ~ 

schiedenartig gebauter Massen einheitliche Lei- 
stungen vollbringen, wie das Auge das Sehen, der 
ganzeOrganismus seine ErnährungundBewegung. 

Nun aber: wenn wir den Satz anerkennen, 
daß zweckmäßige Gebilde immer nur aus be- 
stimmt disponierten Anfangszuständen hervor- 
gehen, was läßt sich daraus weiter erschließen? 
Eine Intelligenz, ein Wille, eine Wahl zwischen 
unendlich vielen möglichen Welten? 

Alle diese Begriffe sind zu konkret, ent- 
halten mehr als sich beweisen läßt, führen zu 
Anthropomorphismen und zuletzt in die unlös- 
baren Fragen der Theodicee. Sind überhaupt an- 
dere Welten denkbar, warum nicht auch solche, 
die bei gleicher Zweckmäßigkeit weniger oder 
nichts von der unsäglichen Summe des Leides 
und der Niedertracht in sich bergen? Nun ent- 
stehen die quälenden Fragen nach dem Warum, 
die kühnen und doch oft so kleinlichen Ver- 
suche, aus den letzten Gedanken des Schöpfers 
heraus die Welteinrichtung zu rechtfertigen und 
ihm für das Üble darin gewissermaßen mildernde 
Umstände zu erwirken. Wohl hat man die Ent- 
wicklungslehre auch hierfür verwertet, sofern 
sie Kampf und Schmerz als Triebkräfte des 
Fortschrittes erweist, aber dabei ist immer die 
gegebene Welteinrichtung schon vorausgesetzt, 
die Kernfrage der Theodicee also unerledigt. 

Wir kommen daher auch so nur zu einer 



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- 65 — 

äußefst abstrakten Formel, wenn wir überhaupt 
das Letzte und Höchste im Begriffe zu fassen 
suchen. Mag dann der Einzelne nach seiner 
'Erziehung, seinen selbstefkämpften Lebensan- 
schauungen und der Grundstimmung seines 
Gemüts die Formöl in verschiedener Weise 
ausfüllen, vielleicht auch zwischen verschie- 
denen Bildern des Unendlichen schwanken: 
eine Philosophie, die sich streng an die An- 
forderungen des wissenschaftlichen Denkens 
halten will, wird nicht wesentlich über diese 
Grenze hinaufkommen. 

Eine bedeutungsvolle Erkenntnis bleibt es 
trotzdem, daß die Materie des Materialisten 
unmöglich das lösende Wort des Welträtsels 
sein kann, daß alle Vielheit der Substanzen 
auf einer transszendenten Einheit ruht, und daß 
die Welt und ihr Werdeprozeß nicht ein sinn- 
loses Durcheinander, nicht einmal „ein Oi:ga- 
nismus" oder „ein Kunstwerk" ist, sondern der 
Organismus, d as Kunstwerk schlechthin, im Ver- 
gleich mit welchem alle übrigen verschwinden. 

Man kann die Teleologie (ich möchte so- 
gar sagen: die Theologie) der Entwicklungs- 
lehre nicht kürzer und kräftiger dem alten Nütz- 
lichkeitsstandpunkt gegenüberstellen, als es be- 
reits Goethe in seinen Gesprächen mit Ecker- 
mann getan hat. „Die Nützlichkeitslehrer würden 
glauben ihren Gott zu veriieren, wenn sie nicht 

5 



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den anbeten sollen, der dem Ochsen die Homer 
gab, damit er sich verteidige ... Ich aber bete 
den an, der eine solche Produktionskraft in die 
Welt gelegt hat, daß, wenn nur der millionste 
Teil davon ins Leben tritt, die Welt von Ge- 
schöpfen wimmelt, sodaß Krieg, Pest, Wasser 
und Brand ihr nichts anzuhaben vermögen. Das 
ist mein Gott!" „Die Leute traktieren ihn, als 
wäre das unbegreifliche, gar nicht auszu- 
denkende höchste Wesen nicht viel mehr als 
ihresgleichen . . . Wären sie aber durchdrungen 
von seiner Größe, sie würden verstummen und 
ihn vor Verehrung nicht nennen mögen." — 

Die naturwissenschaftliche Entwicklungs- 
lehre hat aber nicht bloß das Nachdenken 
aufs neue diesen Grenzfragen alles Erkennens 
zugelenkt, sie hat auch die den Erfahrungs- 
begriffen besser zugänglichen Vorstellungen 
über die allgemeinsten Eigenschaften der Welt 
in mehrfacher Richtung umgestaltet oder älteren 
Ideen darüber zum Siege verholfen. Als be- 
sonders charakteristische Züge der so ent- 
standenen Weltauffassung, sozusagen als ihre 
kosmologischen Ideen, erscheinen mir diese: 
die ruhelose Veränderlichkeit aller empi- 
rischen Dinge, die durchgängige Wechsel- 
wirkung, der Fortschritt zu immer höheren 
Stufen, endlich die unbegrenzte zeitliche Aus- 
dehnung des Weltprozesses. 



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— 67 — 

Daß alles fließt, war die Entdeckung He- 
raklits von Ephesus. Man nannte ihn aber 
den Dunklen, weil seine inhaltschweren Sprüche 
Paradoxien enthielten, die der Anschauung 
widersprachen und des zwingenden Beweises 
entbehrten. Für uns ist es schon eine triviale 
Wahrheit geworden, daß das Angesicht der 
Erde sich wie das des Menschen wandelt und 
selbst die „ewigen Gestirne" entstehen und 
vergehen. Und wir kennen im allgemeinen 
die Faktoren, die teils langsame, teils plötzliche 
gewaltsame Umbildungen bewirken müssen, 
auch wo sie unsrer unmittelbaren Beobachtung 
entzogen sind. 

Den zweiten Gedanken, den der allgemeinen 
Wechselwirkung der zugleich existierenden 
Substanzen, hielt Kant für einen apriorischen 
Grundsatz unsres Verstandes. Denkt man hier- 
bei an eine direkte Wirkung von allem auf 
alles, so würde der Satz von solchen, die der 
Schwerkraft eine Fortpflanzung im Räume zu- 
schreiben, geleugnet werden. Einer allgemeinen 
direkten oder indirekten Wechselwirkung da- 
gegen wird jeder zustimmen. Ob nun dieser 
Satz wirklich ein apriorischer ist oder nicht: 
jedenfalls ist man erst sehr allmählich zum le- 
bendigen Bewußtsein davon und zur Kenntnis 
der Formen gelangt, in denen sich die Wechsel- 
wirkung vollzieht Die Erkenntnis des Ora- 

5* 



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— 68 - 

vitationsgesetzes und seiner Geltung in fernsten 
Steniregionen möchte ich als die erste, die 
Entwicklungslehre als die zweite Etappe dieses 
Wegjas bezeichnen. Denn die letztere zeigt, 
dafi^ nichts aus bloß inneren Kräften sich formt, 
wie nichts au& bloß inneren Kräften« sich bewegt, 
sondern daß die Lebensbedingungen im wer- 
Hesteni Sinne maßgebend sind fiir die Natur jedes 
Dinges. Ist jedes Diasein nur ein beständiges 
Wenden, Sa ist es auch ein bestäsidiges Wirken 
und Gewirktwerden; Der Kreidiauf der Stoffe,, 
die Umsetzungen der Kräfte,, der Einfitiß von 
Sonnenlicht Wärme und- Schwere auf die Of- 
ganismen, der Zusammenhang des Organischen 
mit dem Unofgamschen^ üfeerhauptv das g^ze 
cnlza^kende Bild der Wechselwirkung d&t 
Naittrkräfte, wie es Melmteoltzens Meister- 
haifd gezeichnet hat: das alles wäre nicht so 
lasch in tausend mühsamen Einzdunteraur- 
tlasangtn ans Ltcht gestellt vof den,^ hätten nklU 
die Fcmsichten der Entwicklocigslehre die 
Forscher beseett und die Hoffnung,, mit de» 
badenden zugiMcto aucht die umbildenden Fafc- 
icH^eiti ztt^ erkennen. 

Ein dritter Ckundgedankeistdiadiirch gegeben, 
daß wir ftMtev EiUwicklutig nicht Verändmn^ 
liberhaupt oder in beUebiger Richtung,, sofndtm 
ein Fcjytectffeften,, Auf^igen zu verstehen 
pftegea AMk dkser Gedanke Kegt der Gegen^ 



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wart im Blute. Wie wir die Kulturmenschheit 
den Urmenschen als etwas Höheres gegenüber- 
stellen, so erscheint uns auch die Entstehung 
und Verzweigung der Organismen, ja schon 
die Bildung des Sonnensystems aus dem ur- 
sprünglichen GasbaU als eine Art von Vervoll- 
kommnung. Es ist nicht leich^ diesen Begriff 
allgemein zu: definieren, da er den des Wertes 
einschließt, Werte aber im eigentlichen Sinne 
doch mir für ein psychisches Wesen existieren, 
das sie als Werte empfindet, nicht also in einer 
Natur, die noch keinerlei psychisches Leben 
beherbergt Dazu kommt, daß in der Richtung 
der Zukunft Physiker die gänzliche Erstarrung 
des Erdballs und den Zusammensturz des 
Planetensystems als Schluß des langen Spiels 
voraussagen, was mit den schwärmerische 
Hoffnungen der Fortschrittsmänner nicht recht 
zu harmonieren scheint 

Indessen, was diese femtiegende Eveniua^ 
lität betrifft, so ßlßt sich die fflr ein begrenztes 
materielles System gezogene Folgerung auf das 
Ganze der Welt [nur dann übertragen^ wenn 
man ihm gleichfalls eine der Masse nach end- 
liche GrCyfie zuschreibt, wozu keine zwingenden 
GrOnde treiben. Im übrigen bleibt frefficb^ 
wenn wir unsfe Sorgen einmal auf so «t- 
geheure Zeiten^ erstrecken, auch die Möglichkeit 
often^ dafr der Wel^ozeß eine Welleid>ewegang 



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— 70 — 

mit periodischem Auf und Nieder darstelle; 
und innerhalb dieser Vorstellungsweise wären 
auch noch allerlei Kurvenformen denkbar. 

Die Frage aber nach dem Begriffe des 
Fortschritts überhaupt führt wieder zu einer 
verallgemeinerten und vom Anthropomor- 
phismus befreiten Teleologie. Ich kann mir 
nicht anmaßen, eine so schwere Frage in dieser 
Stunde zu lösen. Vielleicht ist ein allen Ge- 
bieten gemeinschaftlicher exakter Begriff dessen, 
was wir Vervollkommnung nennen, überhaupt 
nicht aufzustellen. Voriäufig benutzen wir ge- 
wisse mehr äußerliche Merkmale, wie diejenigen, 
welche Herbert Spencer in seinem um- 
fassenden Entwicklungssystem Differenzierung 
und Integrierung nennt. Auch läßt sich wohl 
sagen, etwas sei um so mehr objektiv zweck- 
oder wertvoll, je dauernder es im Laufe der 
Zeiten entgegenstehende Strömungen über- 
windet. Tatsächlich wenigstens pflegen wir 
solche äußeren Kriterien mit Nutzen da anzu- 
wenden, wo wir uns über die tief erliegenden 
inneren Merkmale noch nicht genügend ver- 
ständigen können; wie wir uns z. B. bei heiklen 
Kunststreitigkeiten damit helfen, daß wir Kunst- 
werke von bleibender Wirkung gegenüber denen 
mit Augenblickserfolgen als die wertvolleren 
gelten lassen. Aber von da aus hoffen wir 
eben doch in den einzelnen Gebieten zu den 



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— 71 — 

Eigenschaften und Kräften vorzudringen, die 
dieses Übergewicht des Erfolges bedingen. 

Was man im Menschendasein die geschicht- 
lichen Ideen genannt hat, sind selbstverständlich 
auch nichts anderes als reale, aus dem Leben 
geborene und im Leben wirksame, die Wirk- 
lichkeit mehr oder weniger dauernd beherr- 
schende Kräfte. Und hier begegnen wir inner- 
halb des weiten Rahmens der kosmischen Ent- 
wicklung auch wieder den ethischen Em- 
pfindungen. Daß diese, wenngleich langsam, 
doch innerhalb großer Zeiträume unverkennbar, 
an Reinheit und Kraft gewinnen: das brauchen 
wir uns, meine jungen Kommilitonen, von allen 
Pessimisten der Welt nicht ausreden zu lassen. 
Zweifelhaft bestellt isfs mit der Mehrung des 
Glücksgefühls in der Geschichte, nicht zweifel- 
haft aber erscheint mir die Vertiefung und Ver- 
feinerung des Gefühls für sittliche Werte. Wer 
über die verworfene Zeit jammert, lasse nur 
den Blick über große Strecken zurückwandern, 
so wird ihm anders zu Mute werden. Den 
Söhnen einer Zeit, die vom Entwicklungs- 
gedanken ganz durchdrungen ist, ziemt es am 
wenigsten, diesen Gedanken am entscheidensten 
Punkte preiszugeben. 

Als letzte Wirkung der Entwicklungslehre 
endlich erwähnte ich die Erweiterung unsrer 
Vorstellungen über die zeitliche Ausdehnung 



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- 72 — 

des WeKprozesses. Hierin liegt ein Seitenstück 
zur Erweiterung des räumlichen Weltbildes in- 
folge des Kopernikanischen Systems; wie sich 
tiberhaupt die Umwälzung der ganzen Welt- 
anschauung durch den Entwicklungsgedanken 
der durch Kopernikus angebahnten an die 
Seite stellen darf. Den Einfluß dieser ver- 
änderten Raum- und Zeitvorstellungen auf unser 
ganzes Seelenleben darf man nicht gering an- 
schlagen. So gemütlich sich das Leben auf 
der flachen Erdscheihe und unter dem Dach 
des Firmamentes vielleicht unsren Altvordern 
darstellte: wir, die wir im vollsten Sinn unter 
dem freien Himmel hausen, wh- würden den 
Gedanken nicht ertragen, in das alte Wohnhaus 
zurückzukehren. In ähnlicher Weise hat auch 
die unermeßliche zeitliche Erweiterung des Welt- 
bildes nach der Vergangenheit und Zukunft 
hm, ja der Gedanke der zeitlichen Unendlich- 
keit etwas Befreiendes, Erhebendes. Noch sind 
wir gleichsam geblendet, wie Piatons Höhlen- 
bewohner, die ans Licht der Sonne geführt 
werden; aber wir werden uns in der neuen 
Anschauung zurechtfinden, und die Aufgabe 
der Philosophie wird es sein, im Bunde mit 
den konkreten Natur- und Geisteswissen- 
schaften Sinn und Gemüt der Menschen für 
die ernste Größe dieser neuen Welt zu erziehen. 



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